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Visuelle Wahrnehmung





Defininition (nach M. Frostig): Visuelle Wahrnehmung ist die Fähigkeit, visuelle Reize zu erkennen, zu unterscheiden und sie durch Vergleichen mit früheren Erfahrungen zu interpretieren. Die Interpretation des visuellen Reizes erfolgt im Gehirn, nicht durch die Augen.
Die visuelle Wahrnehmung ist von großer Bedeutung für das Erlernen von Lesen, (Recht-) Schreiben, Rechnen und allen anderen Fertigkeiten, die für den Schulerfolg notwendig sind.




Man unterteilt die visuelle Wahrnehmung in fünf Bereiche:

1. Visuomotorische Koordination
2. Figur-Grund-Wahrnehmung
3. Wahrnehmungskonstanz
4. Wahrnehmung der Raum-Lage
5. Wahrnehmung der räumlichen Beziehungen
Es folgen Erläuterungen in derselben Reihenfolge.

Siehe auch Handwerkliches




Im Detail





1. Visuomotorische Koordination

ist die Fähigkeit, das Sehen mit den Bewegungen des Körpers oder Teilen des Körpers zu koodinieren. Die Augen lenken nahezu alle Bewegungen, nicht nur das Greifen und Schreiben, sondern z. B. auch das Beachten von Hindernissen.




2. Figur-Grund-Wahrnehmung

In der Regel können wir aus einer großen Anzahl auf uns einströmender Reize denjenigen ausfiltern, der für uns in der jeweiligen Situation von Bedeutung ist. Dieser Reiz steht dann im Zentrum unserer Aufmerksamkeit (wir sehen oder hören oder fühlen) ihn deutlich, scharf, während all die anderen vielen Reize nur den ungenau wahrgenommenen Hintergrund bilden. Die "Figur" bildet also das Zentrum unserer Aufmerksamkeit.
Ein Kind mit einer schlechten Figur-Grund-Wahrnehmung erscheint unkonzentriert und zeigt ein unorganisiertes Verhalten, weil es nicht ausfiltern kann, welcher Reiz für sein jeweiliges Vorhaben, für seine jeweilige Aufgabe wichtig oder unwichtig ist.
Da wir in einer akustisch und visuell sehr reizüberfluteten Welt leben — man denke nur an die ständige Berieselung durch Radio, Fernsehen, Videos oder Kassetten — haben es Kinder mit Problemen in der Figur-Grund-Wahrnehmung zunehmend schwerer, Aufmerksamkeit aufzubauen und zu halten.




3. Wahrnehmungskonstanz

Aufgrund der Wahrnehmungskonstanz können wir bestimmte Eigenschaften eines Gegenstandes — wie Form, Größe oder Lage — trotz unterschiedlichen Netzhautbildes unverändert wahrnehmen, gleichgültig von welchem Blickwinkel, in welcher Perspektive und in welcher Entfernung wir den Gegenstand sehen. Z. B. erkennen wir einen Würfel immer als Würfel, auch wenn wir ihn nur von einer Ecke aus oder nur zum Teil sehen.
Auch in Größe, Helligkeit und Farbe werden Gegenstände konstant wahrgenommen, unabhängig von Entfernung, und zur Verfügung stehendem Licht. So können Kinder mithilfe dieser Wahrnehmungskonstanz geometrische Figuren unabhänging von Größe, Farbe oder Lage erkennen und später Wörter, die sie gelernt haben, auch in einem fremden Text oder in verschiedenen Schriftarten wieder erkennen.




4. Wahrnehmung der Raumlage

Der Mensch ist (zumindest räumlich gesehen, aber wohl auch sonst) immer das Zentrum seiner eigenen Welt und nimmt Gegenstände als hinter, vor, neben oder über sich wahr. Hat ein Kind Probleme in der Raumlage-Wahrnehmung, erkennt es Gegenstände oder Buchstaben nicht in der richtigen Beziehung zu sich selbst. Es ist unsicher und ungeschickt in seinen Bewegungen und hat Schwierigkeiten, Wörter wie "innen", "außen", "neben", "hinter", "rechts" oder "links", zu verstehen. In der Schule sieht es Zahlen, Wörter, Buchstaben verzerrt. Es verwechselt häufig b und d, 6 und 9, p und q. Zweistellige Zahlen werden vertauscht, z. B 23 und 32 etc. Dementsprechend hat das Kind Probleme, Lesen und Schreiben zu lernen.




5. Wahrnehmung räumlicher Beziehungen

Dies ist die Fähigkeit, die Lage von mehreren Gegenständen zu sich selbst und in Bezug zueinander wahrzunehmen. Dies ist ein komplexerer Vorgang als die Wahrnehmung der Raumlage. Kinder mit Schwierigkeiten in diesem Bereich können z. B. nur schwer Perlen auffädeln oder Muster nachlegen. Puzzeln vermeiden sie, weil ihnen das räumliche Vorstellungsvermögen fehlt.




6. Visuelle Wahrnehmungsstörungen

Normalerweise entwickelt sich die visuelle Wahrnehmung am stärksten im Alter von drei bis sieben Jahren.
Visuelle Wahrnehmungssörungen stehen sehr häufig in engem Zusammenhang mit Störungen der sensorischen Integration (SI), d. h. Kinder mit einer SI-Störung haben oft in der Folge auch visuelle Probleme, da die visuelle Wahrnehmungsverarbeitung stark von körperlichen Erfahrungen abhängt, die ein Kind macht.
Kinder mit visuellen Verarbeitungsstörungen haben sehr oft Lernprobleme, weil sie die Welt verzerrt wahrnehmen. Sie erscheint ihnen instabil und schwer zu deuten. Sie verhalten sich oft motorisch ungeschickt und fallen bereits im Kindergarten dadurch auf, dass sie nicht malen, schneiden oder sonstwie basteln mögen. Entsprechend fällt es ihnen schwer, zu schreiben, zu lesen oder zu rechnen, wobei ihre diesbezüglichen Leistungen nichts (!) über ihre Intelligenz aussagen. Ihre Probleme verunsichern die Kinder auch emotional, wenn sie ihre Defizite im Vergleich zu anderen Kindern bemerken.
Ein möglichst frühes Erkennen der Wahrnehmungsprobleme kann den Kindern einen langen Leidensweg ersparen.



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